Spyker halst sich mit Saab-Rettung eine Mammutaufgabe auf

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In letzter Sekunde hat sich der Sportwagenbauer Spyker mit GM auf den Kauf der schwedischen Kultmarke Saab geeinigt. Die Erleichterung ist groß, doch mit der Rettung der chronisch defizitären Schweden halst sich Spyker eine Herkulesaufgabe auf. Saab hat allen Schwierigkeiten zum Trotz zwar ein Ass im Ärmel – doch Spyker steht auf wackligen Beinen.

„Saab gerettet – Mission erfüllt!“ Mit diesen Worten begrüßt die Website rescue-saab.com ihre treuen Unterstützer. Fast 20.000 Liebhaber der schwedischen Kult-Automarke haben sich auf der Website als Retter eintragen lassen und dürften nun den „glücklichsten Tag im Leben aller Saab-Fahrer und Enthusiasten“ begehen, wie die Betreiber der Website mutmaßen.

Nach Monaten des Bangens, geplatzten Verkaufsgesprächen mit dem schwedischen Sportwagenbauer Koenigsegg und der mehrfach angedrohten Abwicklung scheint die Zukunft der Individualisten-Autos nun fürs Erste gesichert. Victor R. Muller, Chef der niederländischen Sportwagenschmiede Spyker, hat in letzter Minute sein Ziel erreicht und übernimmt die schwedische General-Motors-Tochter Saab nun für 400 Millionen Dollar (283 Millionen Euro). 74 Millionen Dollar davon legt Spyker bar auf den Tisch, der Alt-Eigentümer General Motors (GM) bekommt darüber hinaus Vorzugsaktien im Wert von 326 Millionen Dollar.

„Saab ist eine Kultmarke“, sagte Muller bei einer eilig anberaumten Pressekonferenz in Schweden. „Wir fühlen uns geehrt, sie zu führen“. Unter den 3400 Saab-Mitarbeitern im schwedischen Trollhättan, dem Stammsitz von Saab, ist die Erleichterung groß. Denn die Einigung in letzter Minute erhält bis auf weiteres ihre Arbeitsplätze. Die Vereinbarung mit dem Sportwagenbauer habe Saabs Zukunft gesichert, bekräftigte auch Saab-Chef Jan Ake Jonsson. Doch eine Arbeitsplatzgarantie haben die Niederländer bislang nicht abgegeben.

Verkauf soll Mitte Februar abgeschlossen sein

Bis Mitte Februar soll der Verkauf in trockenen Tüchern sein, hieß es von Seiten GMs. Spyker hatte bereits Ende vergangenen Jahres versucht, Saab zu übernehmen. Damals scheiterte der Deal daran, dass Spyker die notwendige Finanzierung nicht zusammenbekam. Nun bürgt die schwedische Regierung mit einem 400 Millionen Euro schweren Kredit und gibt Spyker so Rückendeckung.

GM hat Saab mit Haut und Haaren losgeschlagen: „Es wurde alles verkauft“, sagte Saab-Deutschland-Geschäftsführer Hans-Jörg Hänggi zu wiwo.de. „Die Markenrechte, das gesamte Werk in Trollhättan: Alles, was Saab als Automobilhersteller ausmacht, geht komplett an Spyker.“ Bloß bei den Patenten hat General Motors einiges zurückbehalten. Genauere Informationen über die Aufteilung des geistigen Eigentums zwischen Saab und GM  lägen ihm noch nicht vor, sagte Hänggi gegenüber wiwo.de.

Während Spyker mit GM nun auf der Zielgeraden gelandet ist, ist die Zukunft Saabs als Autobauer allen Beteuerungen zu Trotz längst nicht so sicher. Denn im vergangenen Jahr hat die Marke drastische Verkaufseinbrüche erlebt. Weltweit ging der Saab-Absatz von 95.000 Autos auf 40.000 Fahrzeuge im Jahr 2009 zurück. In Deutschland sieht die Lage noch trister aus: Laut den Daten des Kraftfahrt-Bundesamts fielen die Saab-Neuzulassungen um satte 66 Prozent. Exakt 1265 Saab-Fans gönnten sich im vergangenen Jahr einen neuen fahrbaren Untersatz – das sind nicht gerade Zahlen, die fröhlich stimmen können.

„Das war ganz klar die Unsicherheit über Saabs Zukunft“, sagt Hänggi dazu. Saab-Fans hätten sich wegen der Unsicherheit über die Zukunft der Marke mit Käufen zurückgehalten. Kein Wunder: Denn Saabs Mutter GM schlitterte Mitte vergangenen Jahres in die Insolvenz. Erst mit einer 50 Milliarden schweren Finanzspritze der USA und Kanadas gelang GM der Neustart.

Kunden-Loyalität als Ass im Ärmel

Trotz aller wirtschaftlichen Schwierigkeiten bleibt Saab ein Vermögenswert, auf dem sich gut für die Zukunft aufbauen lässt: Die Treue seiner Kunden. Saab-Kunden hätten sich schriftlich bei ihm entschuldigt, dass sie wegen der unsicheren Zukunft der Marke letztes Jahr einen Audi oder BMW gekauft hätten, meint Hänggi. Im Internet gibt es ein Dutzend professionell gestalteter Websites für Saab Fans. Und die Saab-Enthusiasten hängen so sehr an ihrer Marke, dass einige von ihnen sogar einen Saab-Unterstützungssong mit dem Titel „Griffin Up“ komponiert haben.

Diesen loyalen Fans will Hänggi in Zukunft Autos anbieten, die sich aus der Masse deutlich abheben sollen. Saab soll sich künftig auf seine Stärken konzentrieren – und die liegt laut Hänggi eindeutig im Bereich Turbomotoren und dem Saab-typischen Design. Bauteile sollen wie bisher von anderen Herstellern oder Zulieferern zugekauft werden. Doch dabei muss Saab auf die richtige Mischung achten. Denn bei den Fahrzeugen, die unter GMs Regie entstanden, wurden viele Teile aus dem GM-Reich verbaut, die bei Volumenmodellen zum Einsatz kamen. Für die Markenführung war das ein Fehler, wie Hänggi einräumt: „Der Kunde lässt sich nicht in die Irre führen“.

Saab-Fahrer wollen laut Hänggi ein hohes Maß an Individualität. Mit dem Sportwagenbauer Spyker hofft Hänggi nun hier auf ein Umdenken. Zunächst läuft aber die bisherige Palette an Limousinen und Kombis vom Typ 9-3 wie geplant weiter. Große Hoffnungen setzt Saab in seine neue Limousine 9-5, der auf der Automesse IAA vorgestellt wurde. Sie wird ab März oder April in Trollhättan vom Band laufen. Seit September 2009 ist der Saab 9-3X im Handel, ein All-Roader, dessen höhergelegtes Fahrwerk auf der Kombiversion des 9-3ers basiert.

Gebaut werden die Fahrzeuge nunmehr ausschließlich in Schweden – in einem Werk, das auf bis zu 200.000 Fahrzeuge pro Jahr ausgelegt ist. Doch Überkapazitäten kann Hänggi bislang nicht erkennen.

Experten sehen große Herausforderungen für Spyker

Autoexperten sehen Saabs Situation allerdings nicht ganz so rosig. Der seit seiner Wiederbelebung im Jahr 2000 defizitäre Autobauer Spyker stehe vor einer großen Herausforderung. Saab Spyker Automobiles dürfte mit veralteten Designs, hohen Personalkosten und schrumpfenden Verkaufszahlen zu kämpfen haben. „Es scheint wie ein Glücksspiel“, sagt der Autoanalyst Ian Fletcher von IHS Global.

Zudem könnten die beiden Unternehmen unterschiedlicher kaum sein: Die insgesamt 100 Spyker-Mitarbeiter haben im vergangenen Jahr abgezählte 43 Luxuswagen gefertigt. Ihre 3.400 Kollegen bei Saab schraubten im selben Zeitraum 90.000 Fahrzeuge zusammen. Gestandenen Automanagern fällt zur Saab-Spyker-Ehe wenig Positives ein. „Randfiguren werden weiter an den Rand gedrängt“, sagte Fiat-Chef Sergio Marchionne zum Saab-Verkauf. „Hoffnungen und Träume sind keine Grundlage.“

Das stimmt in einer Branche, deren Geschäftsmodell vom Verkauf mobiler Träume geprägt ist, nicht ganz. Aber dennoch bleibt der Gegenwind für Saab weiterhin straff.

Disclaimer: Den beinahe wortgleichen Artikel finden Sie auf wiwo.de: Spyker steht bei Saab-Rettung vor Herkulesaufgabe. Für Saab-Fans interessant: Eine Bildergalerie der schönsten Auto-Klassiker von Saab und Volvo

Über den Autor:

Ich bin Wirtschaftsjournalist, entwickle Online-Inhaltsformate und schreibe am liebsten Business-Berichte mit Biss - erzählt in der jeweils passenden Inhaltsform. Dafür nutze ich alle Möglichkeiten, die das Handwerkszeug des Online-Qualitätsjournalismus hergibt. Angeeignet habe ich mir das in mehr als einem Dutzend Jahren beim SPIEGEL-Verlag und der Verlagsgruppe Handelsblatt.

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