Was ein Ortstermin über die “Gigafactory Berlin” verriet

Es waren zwei kurze Sätze über die Tesla Gigafactory Berlin, die mich stutzig machten – und zu einer spannenden Kurzreise ins brandenburgische Grünheide führten. Nahe dem beschaulichen 8000-Einwohner-Städtchen, das zum großen Teil von Kiefernwäldern umgeben ist, entsteht eines der meistdiskutierten Werke Deutschlands: Teslas deutsche Batterie- und Autofabrik, die der Elektroautobauer nicht gerade unbescheiden als „Gigafactory Berlin“ oder auch als „Gigafactory 4“ bezeichnet.

Beim Hochziehen der Fabrik legt Tesla ein Höllentempo vor: Mitte November verkündete Tesla die Standortentscheidung, den Bauantrag hat Tesla Ende 2019 zur Genehmigung eingereicht. Ab April will Tesla in Brandenburg die Bauarbeiten starten, bereits im Juli 2021 sollen in Grünheide die ersten Tesla-Elektroautos – also Model 3 und der kommende Kompakt-SUV Model Y – vom Band laufen.

Dafür muss sich Tesla an die deutsche Gesetzgebung halten – und deshalb liegt eine sehr ausführliche Beschreibung des ganzen Bauprojekts seit Montag, dem 06.01.2020 an vier Orten in Brandenburg öffentlich aus. Im Internet veröffentlicht hat das brandenburgische Umweltministerium immerhin die Umweltverträglichkeitsprüfung für das Projekt – und zwar in vollem Umfang.

Unter dem Stichpunkt Batteriefertigung fanden sich da zwei karge Sätze: „In der Produktionshalle für die Batteriefertigung werden aus angelieferten Batteriezellen in einer Reihe von Fertigungsschritten die Fahrzeugbatterien hergestellt“, hieß es darin. Eine detaillierte Beschreibung sei den Antragsunterlagen zu entnehmen.

Sollte Tesla in seiner brandenburgischen “Gigafactory” also gar keine eigene Batteriezellenproduktion planen – wie es etwa in der ersten “Gigafactory” in Nevada der Fall ist? Das wollte ich genauer wissen und mich dabei mit Faktenmaterial absichern.

Pflöcke stecken Rodungsfläche für Teslas Gigafactory Berlin ab

Doch Auszüge aus den Bauunterlagen könne und dürfe man leider nicht herausgeben, hieß es auf Nachfrage beim Rathaus in Grünheide. Da müsse ich schon selbst vorbeikommen. Gesagt, getan: Am Mittwoch, den 08.01., fuhr ich per Bahn und Mietauto von Hamburg nach Grünheide.

Ich stapfte kurz auf das 300 Hektar große Gelände, auf dem Tesla in Rekordzeit seine Fabrik hochziehen will. Die Fläche für die erste Rodung ist bereits abgesteckt, und zwar mit rosa angesprayten Holzpflöcken. Arbeiter haben schon eine für Lkws befahrbare Schneise in den Kiefernwald geschlagen, der aktuell den Großteil des Grundstücks bedeckt.

Im Rathaus selbst hatte ich eine Stunde Zeit, durch fünf Ordner zu wühlen. Die Beschreibung bestätigte meinen Verdacht: Zumindest am Anfang (denn die aktuellen Einreichungen gelten nur für die erste Bauphase) wird Tesla in Brandenburg keine Lithium-Ionen-Zellen selbst produzieren. Und – vermutlich aus Zeitgründen – verzichtet Tesla auch auf eine eigene Ökostromerzeugung auf dem Grundstück.

Rund um die Tesla Gigafactory Berlin kursieren im Internet viele Meldungen mit oft eher zweifelhaftem Wahrheitsgehalt. Unter Qualitätsjournalismus verstehen meine Kollegen und ich auch eine gründliche Prüfung der Fakten – in diesem Falle direkt vor Ort, statt sich nur auf Hörensagen oder Agenturberichte zu verlassen. Um Informationen zu belegen, bemühen wir uns darum, für zentrale Behauptungen zwei unabhängige Quellen zu finden. Zu unserem Verständnis von Qualitätsjournalismus (und das unterscheidet uns von vielen Blogs) gehört es auch, bei Unternehmen nachzuhaken. Sie mit Widersprüchen zu konfrontieren und ihnen auch die Gelegenheit zur Stellungnahme zu geben.

Genau das habe ich bei Tesla auch gemacht. Tesla zog es zwar vor, keine Stellung zu beziehen. Aber keine Antwort ist schließlich auch ein Statement.

Das Ergebnis meiner Reise nach Grünheide samt Details zu Kosten und Größe des Hauptgebäudes können Sie hier nachlesen, mehr Bilder von Teslas Baustelle finden Sie hier.

Falls sie noch mehr Hintergrund zum Arbeitsalltag eines Journalisten wollen: Bei der Recherche kam es auch zu einer Begegnung der weniger gastfreundlichen Art – kommt vor, war unschön und aus meiner Sicht unnötig. Die Rückfahrt aus Berlin zog sich stundenlang hin, weil unser ICE einen defekten Stromabnehmer hatte. Der Zug legte deshalb im beschaulichen Pritzier zu Mitternacht einen zweistündigen Zwischenstopp ein. Glücklicherweise hatten wir cooles Bahnpersonal an Bord, das die Zugtüren öffnete – und Freigetränke für alle ausgab. So wurde aus dem nervigen Warten eine spontane Freiluftparty – auch wenn der Arbeitstag dadurch verdammt lang dauerte.

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