Mitarbeiter des Heizungsbauers Viessmann testen ein von ihnen entwickeltes Beatmungsgerät an einer Puppe

Wie man in Coronazeiten zum Atemgeräte-Auskenner wird

Große Vermögen, so besagt ein altes Wirtschafts-Bonmot, werden in der Krise geschaffen. Da ist durchaus etwas dran. Bloß ist es in der aktuellen Coronavirus-Pandemie noch viel zu früh, Krisengewinner auszurufen. Der plötzliche Shutdown des gesamten Wirtschaftslebens, der abrupte Wechsel von Überfluss-Produktion hin zur Beschränkung auf das Lebensnotwendige: Diese Gemengelage brachte auch Schwenks und Allianzen hervor, über die es sich zu berichten lohnte. Etwa bei Beatmungsgeräten für Covid19-Erkrankte.

Die Nachrichten aus italienischen Krankenhäusern, wo Ärzte wegen des Mangels an Beatmungsgeräten fürchterliche Entscheidungen zu treffen hatten, schockten nicht nur mich – sondern offenbar auch Manager der Autobranche, die ihre brachliegenden Kapazitäten für etwas Hilfreiches einsetzen wollten. Als die vorübergehenden Stilllegungen der Fabriken begannen, sahen mehrere Autohersteller erstmal gründlich in ihren Werkslagern nach. Zunächst spendeten sie hunderttausende Atemschutzmasken. Das konnte man als Wirtschaftsjournalist vergleichsweise einfach herausfinden, wenn man denn die jeweiligen Pressesprecher im Homeoffice auch erreichte (oder sich auch immer gleich die Mobilnummern notiert hatte).

Schwieriger zu bewerten war dann aber der nächste Schritt: Denn die deutschen Autohersteller ließen durchklingen, dass sie Masken oder Beatmungsgeräte-Teile in Eigenregie produzieren wollten. Schließlich lagen die Werke ohnedies gerade brach, 3D-Drucker wollten die Autobauer aber genau dafür anwerfen. Aus dem Homeoffice ließ sich da telefonisch Einiges in Erfahrung bringen.

Aufwändiger Beatmungsgeräte-Realitätscheck bei Verbandsexperten

Mein Chef drängte dabei aber früh auf einen rigorosen Realitätscheck der Autobauer-Ankündigungen. Schließlich lesen sich in Pressemitteilungen verkündete Vorstöße oft viel großartiger als das tatsächliche Resultat. Es ist Aufgabe jedes Wirtschaftsjournalisten, da gründlich hinzuleuchten – und die schönen Worte nicht gleich für bare Münze zu nehmen.

Um ein Gefühl für die, nun ja, Realitätsnähe der Ankündigungen zu bekommen, bemühte ich mich zunächst um ein Interview mit Drägerwerk. Bei dem deutschen Marktführer bei Beatmungsgeräten wollte ich herausfinden, ob Autobauer, wie sie es in den USA angekündigt hatten, tatsächlich halbwegs taugliche Beatmungsgeräte produzieren könnten. Doch Inhaber Stefan Dräger war kurzfristig nicht greifbar – verständlich, schließlich rannten ihm Interessenten aus der ganzen Welt gerade die Bude ein.

“Es muss eine Online-Börse geben, die solche Teile makelt”

Dagmar Dirzus, Geschäftsführerin der Gesellschaft Mess- und Automatisierungstechnik VDI/VDE

Über Nachhaken bei Kontakten und etwas Beharrungsvermögen bekam ich dann ein Interview mit einer Verbandsexpertin, die nicht nur sehr viel über die aktuellen Hilfsinitiativen der deutschen Wirtschaft wusste. Sie ließ auch durchblicken, dass es noch an EU-weiter Koordination mangle. Dank ihrem Input fand ich auch heraus, warum die vielen nüchternen Ingenieure bei deutschen Autoherstellern sich nicht am weltweiten Beatmungsgeräte-Wettlauf beteiligen wollten. Das mehrfach aktualisierte und zehntausende Male abgerufene Resultat meiner Nachforschungen können Sie hier nachlesen.

Die Beschäftigung mit den Vorstößen, der Teileproduktion und diversen Initiativen führte dazu, dass Kolleg*Innen mich schnell als „Atemgeräte-Experten“ der Redaktion auf dem Radar hatten – und mich mit entsprechenden Hinweisen aus ihren betrachteten Branchen versorgten.

So wies mich ein Kollege etwa darauf hin, dass der Heizungsanlagenbauer Viessmann nun auch semiprofessionelle Beatmungsgeräte produzieren wolle. Deren Ansatz klinge durchaus vielversprechend, meinte der Kollege, dessen Frau als Ärztin in einem Krankenhaus arbeitet.

Homeoffice-Bonus: Video-Konferenz mit Co-CEO in wenigen Stunden

Ich war zunächst eher skeptisch, da sich viele Beatmungsgeräte-Vorstöße bei genauerem Hinsehen als eher bescheiden herausgestellt hatten. Uber Viessmanns Pläne hatte auch schon die Konkurrenz ausführlich berichtet. Allerdings, so fand ich, ließ der entsprechende Artikel noch einige wichtige Fragen offen. Deshalb wandte ich mich an einem Vormittag direkt an Viessmanns Pressestelle und bat um ein kurzes Interview mit möglichst hochrangigen Managern (das ist schließlich der Anspruch von manager magazin). Die Viessmann-Leute reagierten beeindruckend schnell: Bereits für den Nachmittag darauf organisierten deren Presseleute eine Video-Konferenz mit dem Technikchef des 12.000 Mitarbeiter starken Unternehmens und Co-Chef Maximilian Viessmann.

“Wir können Regionen helfen, die weder über die finanziellen Mittel noch über die Infrastruktur für medizinische Beatmungsgeräte verfügen”

Maximilian Viessmann vom gleichnamigen Heizungsbauer

Es wurde ein sehr spannendes Gespräch daraus. Und es zeigte, warum Wirtschaftsberichterstattung aus erster Hand in Krisenzeiten mehr Relevanz hat denn je zuvor: Denn im direkten Interview konnten die Viessmann-Manager nicht nur sehr plausibel erläutern, für welchen eng definierten Einsatzzweck die Geräte gebaut werden. Sie sagten auch noch Genaueres zur Finanzierung der ersten Geräte – und den künftigen Roll-out-Plänen im Bedarfsfall. Genaueres dazu erfahren Sie im vollständigen Text auf manager-magazin.de.

Tief durchatmen – und anregende Lektüre.

1 Kommentar zu “Wie man in Coronazeiten zum Atemgeräte-Auskenner wird

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