Ganz ehrlich: Mir wachsen rote Pusteln auf der Stirn, wenn ich die Worte Bahn, Tarifkonflikt, und Streik nochmals in einer Geschichte erwähnen muss. Bis vor einer Stunde dachte ich, dass der Streit zwischen Lokführern und Bahn-Unternehmensführern endgültig vorüber ist. Zu früh gefreut. Leider sieht’s danach aus, als müsste ich meinen Vorrat an geistigen Antihistaminen deutlich aufstocken.

Denn in Deutschlands liebstem Dauerkonflikt läuten die Herren Manfred “Mr. 31 Prozent” Schell und Hartmut “Beinhart” Mehdorn offenbar zur nächsten Runde. Lokführer-Chef Schell droht mit Streiks, die Bahn sieht die Gespräche – semantisch spitzfindig – als “unterbrochen”, nicht jedoch als abgebrochen an. So geht das nun schon seit Monaten her und hin und hin und her.

Ich lebe schon einige Zeit in Deutschland. Trotzdem fehlt mir über weite Strecken das Verständnis für die Forderung der Lokführer. Ein Drittel mehr Gehalt und ein eigener Tarifspartenvertrag (ein Wortungetüm, dass es wohl auch nur im Deutschen geben kann) sind schon ein ziemlich starkes Stück. Genauso wenig verstehe ich aber, wieso die Bahn-Chefetage in diesem Konflikt weiterhin erste Klasse fährt und den Lokführern auf allen Gleisen den Prellbock aufstellt.

Vielleicht sollten Schell und Mehdorn gemeinsam per Expresszug ins Ausland reisen, um sich über den internationalen Gepflogenheiten beim Streiken zu informieren. Geradezu lächerlich müssen ihnen die Kampfschriften des österreichischen Eisenbahnerstreiks aus dem Jahr 2003 vorkommen:

Die Streikleitung der Eisenbahnergewerkschaft verkündete am Freitag, dem 14. November 2003, um 17:40 das Streikende einer der wichtigsten und längsten Arbeitskämpfe der Zweiten Republik. […]Die EisenbahnerInnen haben es allen gezeigt: Alle Räder stehen still wenn unser starker Arm es will!

Das Schöne an den großen Worten: Einer der “wichtigsten und längsten Arbeitskämpfe” Österreichs dauerte gerade einmal 66 Stunden bis zur Einigung. Selbst in Italien – dem Mutterland des Generalstreiks – stehen die Züge nur 24 Stunden still, wenn der starke Gewerkschaftsarm es will. So geschah es zumindest im Juni 2007 und vor sieben Jahren.

In Deutschland hingegen wurde im letzten Jahr so viel und teils so lange gestreikt, dass ich längst die Übersicht verloren habe.

Ich verstehe bis heute nicht genau, was Schell eigentlich will. Ich habe nicht kapiert, warum Mehdorn kein Jota von seinem Kurs abrückt. Die meisten Deutschen können vermutlich nicht auf Anhieb sagen, was Schell jetzt eigentlich wirklich für die Lokführer erreichen will. Einen Arbeitsvertrag powered by GDL? Grünes Dauerlicht auf allen ICE-Strecken? Verpflichtende Breitband-LCD-Fernseher in allen Lokführer-Häuschen? Nichts wäre nicht wirr genug, als dass es Schell nicht einfordern könnte. Und nichts wäre vernünftig genug, als dass es Mehdorn nicht einfach vom Tisch wischen würde.

In diesem Sinne – anything goes, meine Herren! Bloß die Marketingabteilung hat künftig einiges zu tun. Der Spruch “Nerven sparen – Bahn fahren” ist wohl ein Relikt aus dem letzten Jahrtausend.

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