Zynischer geht’s wohl nicht mehr: Während europäische Fastfood-Fans dem Buletten-Bräter McDonalds satte Gewinne ermampfen, machen internationale Organisationen gegen die drohende Nahrungsmittelkrise mobil. Denn die Lebensmittel-Preise erklimmen Rekordhöhe um Rekordhöhe. Und weil sich Entwicklungshelfer offenbar nicht gegen solche Entwicklungen absichern, stehen nun die ersten Programme der Welthungerhilfe angeblich vor dem Aus.

Wie gut, dass auch internationale Organisationen um drastische Vergleiche nie verlegen sind: Ein „stiller Tsunami“ drohe, hieß es in Pressemeldungen. Dieses einprägsame Wortbild schaffte es sogar in die Online-Meldungsübersicht der ehrwürdigen New York Times . Laut Jeffrey D. Sachs, dem Gott-sei-bei-uns der modernen Entwicklungshilfe, ist es noch viel schlimmer:

“It’s the worst crisis of its kind in more than 30 years,” said Jeffrey D. Sachs, the economist and special adviser to the United Nations secretary general, Ban Ki-moon. “It’s a big deal and it’s obviously threatening a lot of governments. There are a number of governments on the ropes, and I think there’s more political fallout to come.”

100 Millionen Menschen werden angeblich durch die gestiegenen Preise für Grundnahrungsmittel in den Hunger getrieben – und die UN meint, dass die „Hungerkrise“ nun eine Antwort gleichen Außmaßes wie die Tsunami-Katastrophe Ende 2004 erfordere. Damals spendeten Hilfsbereite 7,5 Milliarden Euro für den Wiederaufbau.

Moment mal: Das Leid der Ärmsten ist sicherlich bedrückend – doch die Vereinten Nationen vergleichen hier nicht nur Kartoffel mit Papayas, sondern verbreiten geradezu unglaubliche Torheiten.

    Erstens: Ein Tsunami kommt plötzlich und unerwartet, eine Hungerkatastophe schleichend. Was für eine unpassende Metapher für den Hunger in der Welt.
    Zweitens: Mehr Spenden ändern nichts an der grundsätzlichen Problematik: In der sogenannten dritten Welt wären ausreichend Agrarflächen vorhanden, um den Hunger in der Welt zu stillen. Das Problem ist seit Jahrzehnten die Verteilung zwischen Nord und Süd – und die Politik der reichen Staaten. Denn der Anreiz zu einer besseren Bewirtschaftung ist für afrikanische oder südamerikanische Bauern relativ gering. Denn die westlichen Länder schotten sich gegenüber Agrarimporten aus weniger entwickelten Ländern weiterhin hermetisch ab. Damit bleiben viele Bauern nach wie vor bei ihren wenig effizienten Methoden der Feldbestellung – oder satteln gleich auf Pflanzen um, die höhere Erträge bringen – wie etwa Mohn für die Rauschgiftproduktion.

    Das wissen wohl auch die hohen Beamten der vereinten Nationen – bloß sind solche politischen Minenfelder nur langsam zu durchkreuzen. Der Geldbeutel der Spendenwilligen hingegen öffnet sich rascher.

    Drittens: Ein vermehrter Geldfluss in die sogenannte Dritte Welt hätte vermutlich fatale Folgen für die dortigen Bauern. Ich bin in einigen schwarzafrikanischen Ländern herumgereist. Eines war dabei auffällig: Selbst einfach herzustellende Haltbar-Lebensmittel wie etwa Konserven wurden nicht etwa lokal hergestellt, sondern aus dem vergleichsweise entwickelten Südafrika importiert. Liest man sich durch die Entwicklungshilfe-Literatur, kann man einen klaren Schluss ziehen: Die Nahrungsmittel-Exporte westlicher Länder – plus viele der Hilfzahlungen in den vergangenen Jahrzehnten – haben die Lebensmittel-Märkte in unterentwickelten Ländern zerstört.

So hat etwa die EU ihren Milchüberschuss zu Milchpulver verarbeitet und billigst in Afrika verramscht. Das wiederum hat die dortigen Milchbauern an den Rand des Ruins gebracht.

In einem der Einsteiger-Bücher für Entwicklungsökonomie stand eine wahrhaft fatale Zahl: Demnach bleiben vier Fünftel der Entwicklungshilfe-Zahlungen ohnedies in den reichen Ländern. Ausrüstungsgegenstände für Entwicklungshilfe-Projekte, Computer und ähnliches werden nämlich in den seltensten Fällen vor Ort in den Entwicklungsländern gekauft – sondern einfach importiert.

Genau aus diesem Grund sollte man sich genau fragen, ob man wirklich was spenden will. Denn der Track-Record der Spendeneffizienz ist miserabel. Ich glaube, dass eine politische Lösung deutlich sinnvoller ist – und dass Nahrungsmittelspenden – so zynisch das jetzt klingen mag – der falsche Weg sind.

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