Große Luxuskarossen, alte Kunden: Daimler gilt mit seiner Parademarke Mercedes nicht gerade als Bannerträger neuer Mobilitätsformen. Das soll sich nun radikal ändern. Die Stuttgarter haben im Carsharing einen Milliardenmarkt ausgemacht, den sie künftig tatkräftig beackern wollen. Kein Wunder: Junge Großstädter verlieren das Interesse am Besitz eines eigenen Fahrzeugs – sie wollen lieber kurzfristig mieten.

Einem Bericht der Financial Times Deutschland (FTD) zufolge will Daimler sein Carsharing-Projekt Car2Go künftig gemeinsam mit dem Autovermieter Europcar betreiben. Daimler und Europcar planen die Gründung gemeinsamer Ländergesellschaften, berichtet die FTD unter Berufung auf Konzernkreise.

Damit gewinnt Daimlers Carsharing-Programm deutlich an Gewicht: Europcar hat bereits jetzt eine Infrastruktur für die Autovermietung in 160 Ländern, all das müsste Daimler erst mühsam aufbauen.

Bereits vor Monaten hatte Daimler erklärt, dass sie das erfolgreiche Carsharing-Pilotprojekt Car2Go weltweit ausbauen wollen. Derzeit ist Car2Go nur in Stuttgart und im texanischen Austin verfügbar. In diesen beiden Städten hat Daimler eine Flotte von Hunderten Smart-Modellen aufgebaut, die im Stadtgebiet parken und stundenweise via Handy oder Internet geliehen werden können.

Registrierte Kunden öffnen den Wagen mit einem auf den Führerschein geklebten Chip, pro Minute kostet die Fahrt 19 Cent. Danach stellt er das Auto an einer beliebigen Stelle ab. Mehr als 15 Prozent der Ulmer Führerscheinbesitzer sind inzwischen Car2Go-Kunden – das Projekt hat Daimlers Erwartungen deutlich übertroffen.

Seit Einführung hat Car2Go laut Daimler 350.000 Mietvorgänge mit einer Dauer zwischen 30 und 60 Minuten verzeichnet. Mit dieser Erfahrung im Rücken hat sich Daimler vor kurzem für das größte europäische Carsharing-Projekt Autolib beworben. Dabei sollen ab September 2011 rund 3000 Elektroautos an rund 1000 Aufladestationen in und um Paris bereit stehen.

Für Kurzzeit-Mieten im Stadtverkehr sind Elektroautos die ideale Basis. Gut möglich, dass Daimler mit seinem Car2Go-Projekt hier rasch Erfahrungen sammeln will.

Noch ist Carsharing in Deutschland ein Nischenmarkt: Gerade einmal 170.000 Kunden setzen auf das Autoteilen. Doch das Wachstumspotenzial ist groß: Einer Studie des Marktforschungsunternehmens Frost & Sullivan zufolge dürfte sich die Zahl der Autoteiler bis 2016 auf 1,2 Millionen erhöhen. Das ist beinahe eine Versiebenfachung zur heutigen Kundenzahl. Laut FTD sieht Daimler in dem neuen Mobiltätskonzept ein Marktpotenzial von einer Milliarde Euro. Langfristig solle Car2Go deutlich mehr als 100 Millionen Euro Umsatz machen und eine Rendite von mehr als zehn Prozent erwirtschaften. Dabei müssten aber die Verwaltungskosten im Rahmen bleiben.

Die Stuttgarter experimentieren aber auch mit weiteren Mobilitätsformen, die man nicht unbedingt mit Mercedes in Verbindung bringen würde. Vor kurzem hat Daimler eine eigene Mitfahrzentrale namens Car2gether gestartet, die erst einmal als Test in Ulm beginnt (wiwo.de berichtete).

Die Konkurrenz auf dem Carsharing-Markt nimmt deutlich zu: Marktführer ist zur Zeit die Deutsche Bahn mit ihrer Carsharing-Programm namens Flinkster, das auch die Aktivitäten von DB Carsharing beinhaltet. Auf rund 64 Prozent Marktanteil kommt Flinkster laut Zahlen des Bundesverbands Carsharing. Die Bahn setzt in großem Stil auf das Elektroauto: In einem Jahr will die Bahn bereits zehn Prozent ihrer 2000 Fahrzeuge umfassenden Flotte elektrisch betreiben (wattgetrieben berichtete). Auch Peugeot will mit seinem Carsharing-System Mu junge Großstädter ansprechen. In Berlin können Mu-Kunden 50 unterschiedliche Peugeot-Fahrzeuge mieten – vom Fahrrad über den Motorroller bis zum Kleintransporter. Noch 2010 soll Mu in München und Hamburg starten.

Disclaimer: Den wortgleichen Artikel finden Sie auch im Blog Wattgetrieben auf wiwo.de: Daimler will mit Europcar den Carsharing-Markt aufrollen

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