Von wegen Konkurrenz von Schiene und Straße: Die Deutsche Bahn integriert in großem Stil Elektroautos in ihr Carsharing-Angebot Flinkster. Dabei entsteht die größte E-Mobil-Flotte Deutschlands – was die Autobauer kaum freuen dürfte.

Mit ihrem rot-weißen Anstrich fallen sie auf: Die Kleinwagen der Bahn-eigenen Flinkster-Flotte sind mittlerweile vor jedem größeren Bahnhof zu finden. Registrierte Kunden können sich die Fahrzeuge stundenweise ausleihen – zu durchaus moderaten Preisen: Die 20 Euro Startpreis pro Auto werden zur Gänze als Fahrguthaben gutgeschrieben. Davon lassen sich dann die Stundenmiete von 1,50 Euro und die Krafstoffpauschale von 0,25 Euro pro Kilometer bezahlen.

In Kürze dürften die 100.000 Flinkster-Kunden auch gerne mal elektrisch durch die Städte rollen: In einem Jahr will die Bahn bereits zehn Prozent ihrer Leihwagenflotte von derzeit 2000 Fahrzeugen elektrisch betreiben. Das verriet der Chef des Bahn-Autofuhrparks, Rolf Lübke, der Financial Times Deutschland.

Die Bahn wird damit zum größten Anbieter von Elektrofahrzeugen in Deutschland aufsteigen. Zudem drängt sie mit aller Macht in den boomenden Markt für Carsharing. Dabei melden sich Kunden dauerhaft bei einem Anbieter an und können stundenweise Autos buchen, die sie an Stellplätzen in ihrer Umgebung abholen können. Im Gegensatz zu Autovermietungen wollen Carsharing-Anbieter ihre Autos möglichst kurz vermieten und setzen dementsprechende Anreize.

Noch ist die Auto-Kurzzeitmiete ein Nischenmarkt: Insgesamt 170.000 Kunden nutzen zur Zeit CarSharing-Angebote, zeigen Zahlen des Bundesverbands CarSharing. Mit einem Marktanteil von 64 Prozent ist die Deutsche Bahn bei weitem größter Anbieter. Doch die Wachstumsaussichten sind bestens: Einer Studie des Marktforschungsunternehmens Frost & Sullivan zufolge dürfte sich die Zahl der Carsharer bis 2016 auf 1,2 Millionen erhöhen. Das ist beinahe eine Versiebenfachung zur heutigen Kundenzahl. Im letzten Jahr stieg die Zahl der Autoteiler um 15 Prozent, wie wiwo.de vor einigen Monaten berichtete. Das rasante Wachstum erhöht den Druck auf die Autohersteller, neue Mobilitätsformen auszuprobieren. Besonders junge Großstädter finden Gefallen am Carsharing –  und mieten lieber, als ein Auto zu kaufen.

Daimler hat bereits darauf reagiert: Der Carsharing-Pilotversuch Car2Go in Ulm ist so erfolgreich verlaufen, dass die Stuttgarter ihr System nun weltweit anbieten wollen. 20.000 Ulmer haben sich bei Car2Go registriert und flitzen spontan mit Smarts durch die Stadt. Auch Peugeot will mit seinem Carsharing-System Mu junge Großstädter ansprechen. In Berlin können Mu-Kunden 50 unterschiedliche Peugeot-Fahrzeuge mieten – vom Fahrrad über den Motorroller bis zum Kleintransporter. Noch 2010 soll Mu in München und Hamburg starten.

Doch die Bahn reißt das Geschäft an sich: Nach Angaben Lübkes verhandelt er mit Daimler und Peugeot darüber, deren Leihangebote in das Flinkster-Netz zu integrieren. Die Reichweiten von Elektroautos unter 100 Kilometern stören die Bahn dabei nicht im geringsten: Da der Anreiz hoch ist, die Autos nur kurz zu mieten, sind geringe Reichweiten durchaus akzeptabel. Zudem kann die Bahn über ihren eigenen Versorger DB Energie Elektroautos günstig laden, wie die FTD berichtete.

Lübke zufolge erlöst die Bahn-Autoflotte einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag – und ist mit bis zu zehn Prozent Rendite hoch profitabel. Solche Zahlen dürften Daimler und Peugeot neidisch beäugen. Für sie ist eine Zusammenarbeit mit Flinkster zwiespältig: Auf der einen Seite können sie so ihre E-Autos im großen Maßstab testen und so auch künftige Kunden überzeugen. Auf der anderen Seite stärken sie so den Platzhirschen am Carsharing-Markt, von dem sie sich gerne selbst ein Stückchen abschneiden würden.

Disclaimer: Den wortgleichen Beitrag finden Sie im Elektroauto-Blog Wattgetrieben auf wiwo.de: Deutsche Bahn wird zum Elektroauto-Riesen

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