Beinahe-Pleite, Massenentlassungen, Verluste in Millionenhöhe – der Halbleiter-Konzern Infineon wurde in den letzten Monaten vielfach für tot erklärt. Doch die Gerüchte vom baldigen Ableben des Chips-Herstellers waren stark übertrieben: Infineon ist quicklebendig: Der rigide Sparkurs, den sich das Unternehmen verordnet hat, schlug sich zuletzt auch in deutlich besseren Zahlen nieder.

Im Dezember hat Infineon seine Prognose für das erste Quartal 2010 angehoben, der Aktienkurs zeigt seit Monaten nach oben. Der Konzern ist aus den gröbsten Schwierigkeiten raus – zur Ruhe kommt Infineon deshalb aber noch lange nicht. Denn die am 11. Februar anberaumte Hauptversammlung dürfte alles andere als ein ruhiges Aktionärstreffen werden.

Aktionäre begehren auf

In den letzten Tagen hat sich ein für Deutschland höchst ungewöhnlicher Vorgang abgezeichnet. Auf der Hauptversammlung steht die Neuwahl des Infineon-Aufsichtratschefs auf der Agenda. Der bisherige Inhaber dieses Postens, Max Dietrich Kley, hat den früheren Siemens-Manager Klaus Wucherer als seinen Nachfolger auserkoren.

Doch einige Investoren des Unternehmens spielen bei der geplanten Stabsübergabe nicht mit. Stattdessen wollen sie einen eigenen Kandidaten aufstellen: Der 59-jährige Willi Berchthold, früher Chef des Banknoten- und Chipherstellers Giesecke und Devrient, soll gegen Wucherer in einer Abstimmung antreten. Berchthold kennt die Branche gut: Er ist seit fünf Jahren Finanzchef des Automobilzulieferers ZF Friedrichshafen und war lange Jahre Chef von IBM Deutschland.

Fronten klären sich

In dem Machtkampf klären sich die Fronten: Die Fondsgesellschaft der Deutschen Bank, DWS, hat sich auf die Seite der Abtrünnigen geschlagen. Der Gegenantrag zu Wucherer stammt vom britischen Finanzinvestor Hermes, hinter dem wiederum der Pensionsfonds der British Telecom steht.

Die Argumente zeigen, dass Infineon die Vergangenheit einholt – wieder einmal: Wie die Süddeutsche Zeitung berichtet, begründet Hermes seinen Gegenantrag damit, dass für einen „wirklichen Neuanfang“ eine Erneuerung an der Spitze des Aufsichtrats notwendig. Im Klartext: Wucherer gilt den Hermes als befangen. Denn Infineon gehörte einst zum Siemens-Konzern, der seine Halbleitersparte im Jahr 2000 an die Börse brachte. 35 Euro zahlten die Aktionäre damals pro Aktie, heute liegt der Kurs bei gerade einmal vier Euro. Wucherer sitzt seit 1999 im Infineon-Aufsichtsrat. Laut Ansicht von Hermes und DWS hat er die Fehler der Vergangenheit mitzuverantworten.

Gegenkandidat hat einen Makel

Ob der Gegenantrag Erfolg haben kann, ist noch unklar. Hermes und DWS halten zusammen nur fünf Prozent der Aktien. Doch Finanzkreisen zufoge stehen auch weitere Anteilseigner auf Seiten der Kritiker. Aktionärsschützer sehen die Wahlmöglichkeit als positiv im Sinne guter Unternehmensführung. Denn bisher haben Aktionäre auf Hauptversammlungen Personalvorschläge meist nur abgenickt. Wucherer gilt den aufständischen Investoren als Teil des alten Siemens-Netzwerks, das bei dem Chiphersteller nach wie vor großen, vermutlich zu großen, Einfluss hat.

Doch leider hat auch Berchthold einen Makel: Der von ihm geführte Autozulieferer ZF Friedrichshafen ist einer der bedeutenden Kunden von Infineon. Echte Unabhängigkeit sieht anders aus. In der Zeitung „Die Welt“ mahnt Daniela Bergdold von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz deshalb: „Findet eine Person eures gemeinsamen Vertrauens“. Grabenkämpfe seine bei Infineon, das gerade einer schweren Krise knapp entronnen sei, fehl am Platz.

Neben dem mehr an Auswahl ist ein weiterer Aspekt positiv: Die Aktionäre gehen gegen das Netzwerk der alten Deutschland AG vor. So könnte der Machtkampf um Infineon zum Lehrbeispiel für stärker unabhängige Aufsichtsräte werden – und die kann Deutschland dringend gebrauchen.

Disclaimer: Den wortgleichen Artikel finden Sie auf wiwo.de unter Infineon holt die Vergangenheit mal wieder ein

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